Werkspost – der politische Salzburg-Kommentar
Sonderschulen

Salzburg könnte beim inklusiven Unterricht Vorreiter sein

Die Forderung nach einer gemeinsamen Schule für alle Kinder ist keine „Sozialromantik“, sondern ein Menschenrecht, das den betroffenen Kindern verwehrt bleibt
Eine Werkspost von:

Stefanie Ruep

21. Januar 2026
In der Debatte um Sonderschulen beharrt die Salzburger Landesregierung darauf, am getrennten Unterricht für Kinder mit Förderbedarf festzuhalten. Stattdessen könnte Salzburg bei der inklusiven Schule Vorreiter sein und Kinder mit Behinderung gemeinsam mit jenen ohne unterrichten. Statt teuren Doppelstrukturen sollte mehr Geld in die gemeinsame Schule gesteckt werden, um endlich echte Inklusion zu ermöglichen.
Doch in Salzburg ist das Bekenntnis zur Sonderschule sogar im Regierungsprogramm festgeschrieben. Bildungslandesrätin Daniela Gutschi (ÖVP) bezeichnet die Kritik des unabhängigen Monitoring Ausschusses und dessen Forderung nach einer gemeinsamen Schule gar als „Sozialromantik“. Das ist sie freilich nicht.

Gutschi verkennt damit die rechtliche Lage. Denn inklusive Bildung ist ein Menschenrecht, das in der Behindertenrechtskonvention festgeschrieben ist. Diese wurde bereits 2008 von Österreich unterzeichnet. Damit hat sich die Republik verpflichtet, Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam zu unterrichten. Und Österreich kommt dieser Verpflichtung seit mittlerweile 18 Jahren nicht nach. Die Frage kann also nicht sein, ob wir inklusive Schulen brauchen, sondern wann sie endlich flächendeckend umgesetzt werden.

Sonderschulen trennen Kinder, diskriminieren sie und verwehren ihnen ihr Recht auf gleichberechtigte Bildung. In Salzburg wurde bei 2.700 Schülerinnen und Schüler ein sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt. Das heißt, sie brauchen spezielle Betreuung im Unterricht. Fast 1.000 davon werden in Sonderschulen unterrichtet. Entscheiden, ob die Kinder in eine Sonderschule gehen oder in der Regelschule unterrichtet werden, dürfen die Eltern.

Keine Wahlfreiheit ohne Barrierefreiheit und Personal
Diese von der Politik vielgelobte Wahlfreiheit ist in vielen Gebieten keine: Denn vielerorts sind die Bedingungen in der Regelschule zu schlecht, um auch Kinder mit Behinderung unterrichten zu können. Es gibt zu wenig Personal, keine Integrationslehrer oder Sonderpädagoginnen und manche Schulen sind nicht einmal barrierefrei, kritisiert auch Behindertenanwältin Christine Steger im Podcast der Werkspost. Ohne Mittel und Personal für die nötige Förderung der betroffenen Kinder bleibt die Inklusion im Bildungssystem eine leere Phrase.

Sozial- und Behindertenorganisationen warnen ebenfalls entschieden vor dem Ausbau von Sonderschulen. Kinder würden in Sonderschulen nicht besser gefördert werden. Ganz im Gegenteil: 44 Prozent aller Sonderschulabsolvent:innen sind eineinhalb Jahre nach Schulabschluss weder in Ausbildung noch im Arbeitsmarkt, wie eine Untersuchung des Instituts für Höhere Studien zeigt. Viele landen nach dem Schulabschluss in einer geschützten Werkstätte, wo sie kein Gehalt, sondern nur ein Taschengeld erhalten und sich wieder in gesonderter Struktur befinden. Nur sechs Prozent gelingt ein direkter Einstieg in den Arbeitsmarkt, weniger als ein Prozent geht nachher in eine höhere Schule.

Inklusion ist keine Träumerei
Inklusion ist keine naive Träumerei und die Forderung danach keine Ideologie. Andere Länder zeigen das längst vor. Dafür muss man auch nicht in den fernen Norden Europas reisen, es reicht schon ein Besuch in Südtirol. Denn in Italien wurden die Sonderschulen bereits 1977 abgeschafft. Dort gibt es für jedes Kind einen individuellen Bildungsplan und Integrationslehrer:innen in inklusiven Klassen. Kinder lernen gemeinsam, mit individueller Unterstützung dort, wo sie gebraucht wird. Das System passt sich hier also den Kindern an, nicht umgekehrt.

Sonderschulen hingegen zementieren Ausgrenzung ein. Sie weiter auszubauen, wie in Oberösterreich, oder auch nur an ihnen festzuhalten, wie in Salzburg, ist ein bildungspolitischer Rückschritt. Wer von klein auf getrennt ist von andern Kindern, lernt vor allem eines: nicht dazuzugehören. Es braucht politischen Mut um den Status Quo zu verändern. Anstatt an der trennenden Sonderschule festzuhalten, wäre Bildungslandesrätin Gutschi gut beraten, sich für inklusive Schulen einzusetzen und diese zu fördern. Salzburg könnte als an sich wohlhabendes Bundesland mit einer guten Bildungsinfrastruktur zum Labor für die inklusive Schule werden. Denn Inklusion ist kein Idealismus, sondern eine Verpflichtung.

In der neuen Werkspost spricht Stefanie Ruep mit Behindertenanwältin Christine Steger über Sonderschulen in Österreich.

Infobox:
  • Wird bei einem Kind ein sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt, können Eltern seit 1993 wählen, ob es in einer Sonderschule oder in einer Volksschulklasse mit Kindern ohne Behinderung beschult wird.
  • Im aktuellen Regierungsprogramm haben sich ÖVP, SPÖ und Neos auf Anreize zur "verkehrten Inklusion" geeinigt. Das heißt, die Sonderschulen werden auch für den gemeinsamen Unterricht mit Kindern ohne Behinderung geöffnet. Die konkrete Ausgestaltung der Schulstruktur in diesem Bereich ist allerdings Sache der Länder.
  • Laut einer vom Bildungsministerium in Auftrag gegebenen Studie aus dem Jahr 2023 haben 4,5 Prozent aller Pflichtschülerinnen und -schüler einen sonderpädagogischen Förderbedarf (SPF). Jedoch gibt es gemäß einer 1992 festgelegten Regelung nur für maximal 2,7 Prozent der Schüler pro Bundesland zusätzliche Lehrkräfte vom Bund. Buben (5,4 Prozent) sind deutlich häufiger betroffen als Mädchen (3,4 Prozent).
  • Große Unterschiede gibt es auch zwischen den einzelnen Bundesländern: So wurde in Salzburg bei 6,7 Prozent der Schülerinnen und Schüler Förderbedarf festgestellt, in Tirol aber nur bei 2,4 Prozent.

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