Werkspost – der politische Salzburg-Kommentar
NS-Straßennamen

Was, wenn Hermann Gmeiner

ein Nazi gewesen wäre?

Die Hermann-Gmeiner-Straße wurde im Eiltempo umbenannt. Bei den Nazi-Straßen lässt sich die Stadt Salzburg Zeit.
Eine Werkspost von:

Thomas Neuhold

04. März 2026
Das ist schnell gegangen: Im Oktober vergangenen Jahres wurde bekannt, dass der Gründer der SOS-Kinderdörfer, Hermann Gmeiner, wiederholt minderjährige Buben missbraucht haben soll. Ziemlich genau drei Monate später hat der Kulturausschuss der Stadt Salzburg die Umbenennung der nach Gmeiner benannten Straße beschlossen. Einstimmig.

Die Straße zwischen der Stadt und Wals-Siezenheim südlich des Flughafens wird ab 30. April 2026 Barbara-Krafft-Straße heißen. Barbara Krafft war eine Porträtmalerin im späten 18. beziehungsweise frühen 19. Jahrhundert. Sie stammte aus Tschechien, hat auch einige Jahre in Salzburg gelebt und starb in Bamberg. Von ihr stammt auch das bekannteste Mozart-Bildnis. Barbara Krafft mag vielen als etwas uninspirierter Vorschlag erscheinen, aber immerhin: Es ist eine Frau geworden.

Auf die lange Bank geschoben
Und was, wenn Hermann Gmeiner ein Nazi gewesen wäre? Was, wenn er Teil jenes Systems gewesen wäre, das für die industrielle Vernichtung von Millionen Menschen verantwortlich war und das die gesamte Welt in Brand gesteckt hatte? Hätte man es dann auch so eilig gehabt? Oder hätte erst einmal eine Kommission prüfen müssen? Oder hätte man gar – wie beim NSDAP-Mitglied Karajan – eine breit angelegte Kampagne gestartet, um Gmeiner postum die Absolution zu erteilen?

Zugegeben, das sind polemische Fragestellungen. Aber irgendwie legt der Umgang mit den Nazi-Straßennamen dies nahe. Seit Jahrzehnten diskutiert man in Salzburg die Rücknahme dieser Ehrungen. 2021 hat dann endlich eine Historikerkommission 13 besonders schwer belastete Namen für eine Umbenennung gelistet. Einst waren es zwar 66 Straßen und Plätze, aber über alle 66 spricht heute ohnehin niemand mehr.

Karajan? Waggerl? Porsche?
2025 konnte sich die Stadtregierung schließlich durchringen, zumindest eine Ehrung zurückzuziehen. Eine nach einem Nazi benannte Straße in Parsch wurde der ins Exil vertriebenen Schauspielerin und Witwe von Festspiel-Gründer Max Reinhardt, Helene Thimig, gewidmet. Dann wurde evaluiert. Die Kosten waren überschaubar gering. Zwölf schwer Belastete stehen jedenfalls noch an. Wie wäre es 2026 mit Karajan, Waggerl oder Porsche?

In der neuen Werkspost spricht Thomas Neuhold mit Eva Bammer, Historikerin an der Universität Salzburg, über die Umbenennung von NS-Straßennamen.

Infobox:
In Summe hat die Historiker*innenkommission der Stadt Salzburg 66 Nazi-Straßennamen erhoben. 13 von ihnen waren laut Historiker*innen-Kommission der Stadt Salzburg hochbelastet. In alphabetischer Reihenfolge:
  • Kuno Brandauer, Volkskundler und Obmann des Landestrachtenverbandes.
  • Heinrich Damisch, Musikschriftsteller und Mitbegründer der Salzburger Festspiele. Die oben angeführte Heinrich-Damisch-Straße in Parsch wurde im Gedenkjahr 2025 in Helene-Thimig-Straße umbenannt.
  • Herbert von Karajan, Dirigent.
  • Erich Landgrebe, Schriftsteller und Maler.
  • Hans Pfitzner, Komponist und Dirigent.
  • Ferdinand Porsche, Konstrukteur.
  • Tobias Reiser, Volksmusikant und Kulturfunktionär.
  • Gustav Resatz, bildender Künstler.
  • Franz Sauer, Domorganist und Mozarteum-Professor.
  • Erich Schenk, Musikwissenschafter und Universitätsprofessor.
  • Hans Sedlmayr, Kunsthistoriker und Universitätsprofessor.
  • Josef Thorak, bildender Künstler.
  • Karl Heinrich Waggerl, Schriftsteller.
Aktuell sind in der Landeshauptstadt 37 Straßen oder Plätze nach Frauen benannt. Mit der Barbara-Krafft-Straße sind es bald 38. Das entspricht immer noch einem Anteil von nur drei Prozent aller Verkehrsflächen.

Herbert von Karajan und Karl Heinrich Waggerl sind zudem noch Ehrenbürger der Stadt Salzburg. Eine Aberkennung der Ehrenbürgerschaft steht bis heute aus.

Mehr zum Thema Gedenkkultur in der Werkspost!

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