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Billige Polit-Punkte auf Gleis 5
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Seit Anfang April ist der Salzburger Hauptbahnhof in den Medien dauerpräsent. Über Drogenhandel, Gewalt, verwahrloste Zustände bis hin zu sexueller Gewalt wurde berichtet. Während nachhaltige Lösungen viel Zeit und Geld erfordern, wittern einige Politiker die Chance, sich als Hardliner in Szene zu setzen.
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Hauptbahnhöfe sind selten Orte, an denen man sich gern länger aufhält. Das liegt allein schon in ihrem Zweck. Der französische Anthropologe Marc Augé taufte diese urbanen Räume deswegen auch Nicht-Orte. Hotelzimmer, Einkaufszentren und eben Bahnhöfe zeichnen sich durch ihre maximale Zweckmäßigkeit aus, die sich in sozialer Sterilität, Anonymität und dem Fehlen einer erkennbaren Geschichte zeigt. Kurzum: Das Abwesendsein jeglicher Identität. Aussteigen, über den Südtirolerplatz eilen, einen Bus erwischen: so schaut wohl die durchschnittliche Nutzung des Salzburger Bahnhofes aus.
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Aus den oben genannten Gründen haben Bahnhöfe dann ironischerweise doch eine Identität erhalten. Eine in erster Linie negativ wahrgenommene. Menschen in prekären Wohnverhältnisse oder ganz ohne Obdach, mit Suchterkrankungen, psychischen Krankheiten oder einer Kombination aus all diesen Faktoren nutzen den Bahnhof. Dieses Phänomen kann man weit über Österreich hinaus beobachten. Das Frankfurter Bahnhofsviertel oder der Bahnhof Zoo in Berlin sind zum Synonym für urbane Verelendung geworden.
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Brennpunkte einfach löschen?
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Die Probleme, die daraus resultieren, können nicht verleugnet werden. Das Sicherheitsempfinden der Anwohner*innen schwindet. Die Spitze des Eisbergs: Die Salzburger Nachrichten recherchierten den fassungslosmachenden Fall eines 14-jährigen Mädchens, das mit dem Versprechen nach Drogen in Wohnungen gelockt worden sei und dort massiven sexuellen Missbrauch erfahren habe.
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Nicht ganz zu Unrecht hat sich deswegen in den Medien und der öffentlichen Debatte der Begriff “Brennpunkt” etabliert. Auch wenn etwa der Landespolizeidirektor Bernhard Rausch gegenüber dem ORF angibt, dass es in jüngster Zeit keine “Häufungspunkte” gab. Dass das Thema Bahnhof aber nun wieder heiß diskutiert wird, sollte als Chance begriffen werden. Nur: Eine wirkliche Verbesserung der Situation am Bahnhof und zwar für alle Beteiligten: Anwohner*innen, Reisende und all jene Menschen, auf die man gern abfällig schielt, ist ein politischer Kraftakt.
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Wer Alkoholverbotszone sagt, muss auch Begleitmaßnahmen nennen können. Simple Repression führt — und das dürfte allen Verantwortlichen hinlänglich bekannt sein — lediglich zu einer Verlagerung des Problems.
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Während das gros der hiesigen Stadtpolitik die Causa Bahnhof vernünftig diskutiert, wollen sich ein paar die Chance nicht entgehen lassen, den Hauptbahnhof als Szenerie für fatalistische Social-Media-Inhalte zu nutzen. So als wäre Salzburg Gotham, posiert Paul Dürnberger von den Freiheitlichen in der Stadt in der Fanny-von-Lehnhart-Straße und versucht ein Leib-und-Leben-Thema der FPÖ aufs politische Tapet zu bringen: Die Einrichtung einer Stadtwache. Diese solle dann regelmäßig ihre Runden ziehen und alle Probleme seien im Handumdrehen gelöst. So der Tenor des Videos.
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Was mit Sicherheit ebenfalls nicht hilft, sind medial inszenierte Stippvisiten von Politikern. So zu sehen, als Innenminister Gerhard Karner von der ÖVP Anfang April der Polizei bei einer fremdenpolizeilichen Schwerpunktkontrolle hospitierte. Karner, der stets darum bemüht ist, vor allem in Migrationsfragen der FPÖ das Wasser abzugraben, ließ sich, flankiert von zwei Beamten, ablichten, als handle es sich um das Fotoshooting für das Filmposter eines B-Action-Films aus den 80ern. Ehrliches Bemühen sieht dann doch etwas anders aus.
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Und das ist natürlich die große Frage. Ein erster Ansatz wäre daher mit Sicherheit, der Gegend rund um den Südtirolerplatz zu so etwas wie einer eigenen, positiven Identität im Sinne Marc Augés zu verhelfen. Begrünung, ein paar Bänke und andere ästhetische Eingriffe, können aber freilich nur ein Start sein. Ein Bahnhof ist immer auch Spiegelbild genereller gesellschaftlicher Tendenzen. Verarmung, Verelendung und der umfangreiche Komplex Sucht und Abhängigkeit spitzen sich am Bahnhof lediglich für alle sichtbar zu. Will die Politik hier langfristig und nachhaltig gegensteuern, muss der Atmen so lang sein, dass er auch noch reicht, wenn der Bahnhof wieder längst aus dem medialen Fokus verschwunden ist.
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In der neuen Werkspost spricht David Mehlhart
mit Andreas Koch von der Uni Salzburg,
über Berichterstattung und nachhaltige Maßnahmen.
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Eine Übersicht über Andreas Kochs Veröffentlichungen zum Thema Armut aus sozialgeografischer Perspektive findet sich hier.
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