Werkspost – der politische Salzburg-Kommentar
Universitätsbudget

Die Nische stärken

Drohen Kürzungen im Bildungsbereich, klopft man Studienrichtungen gerne nach ihrer ökonomischen Performance ab. Marktkonforme Bildung ist oft blind für gesellschaftlich relevante Themen.
Eine Werkspost von:

David Mehlhart

24. Juni 2026
Der SPÖ-Finanzminister Markus Marterbauer hatte mit Sicherheit schon lustigere Phasen in seinem bisherigen Berufsleben. Mit einem Sparbudget, wie er es jetzt zu verantworten hat, macht man sich nirgends besonders beliebt. Als bekannt wurde, dass den hiesigen Unis ab 2028 rund eine Milliarde Euro fehlen wird, kamen die Reaktionen postwendend. Tausende Studierende, aber auch Mitarbeiter*innen der Universitäten gingen österreichweit auf die Straße. In Salzburg waren es nach Angaben der ÖH sogar 3000.

Doppelt bitter und nicht ohne Ironie ist, dass das Versprechen, durch Bildung den sozialen Aufstieg zu vollziehen, eines der eigentlichen Kerngeschäfte der Sozialdemokratie ab den 60er-Jahren war. Dass sich die SPÖ so zu einem gewissen Grad selbst obsolet gemacht hat, indem die Kinder von Arbeiter*innen nicht wie in den Jahrzehnten davor, einem ehernen Gesetz gleich, Arbeiterinnen wurden, muss an anderer Stelle behandelt werden.

Aber zurück zu den Unis. Wenn Kürzungen drohen, wird in den Kommentarspalten und Leserbriefsektionen gerne laut nachgedacht, wo es Einsparungspotenzial gäbe. Eilfertig kommen die Finger dann auf nischigen und hochspeziellen Studiengängen wie Byzantinistik, Ägyptologie oder Judaistik zum Liegen. Das Argument, oder besser gesagt die Rechnung, die dahinter steht, lautet zugespitzt so: Alle Studien, die nicht direkt zu einer Steigerung des österreichischen BIP beitragen, sind mindestens suspekt, aber eigentlich überflüssig.

Universitäres Kleinod
Ein derart auf ökonomische Verwertbarkeit getrimmter Blick auf Bildung und Forschung führt auch zu strukturellen Änderungen innerhalb der Unis: Forscherinnen sind längst nicht mehr nur Forscherinnen, die zudem ihr Wissen an Studierende vermitteln, sondern damit beschäftigt, im Sinne der Third Mission aktiv PR zu machen, Gelder einzuwerben und in internationalen Rankings zu reüssieren. Universitäre Kleinodien, obskure Forschungsinteressen und die vielgescholtenen Orchideenfächer haben in einer solchen, von Konkurrenz geprägten und hochbürokratischen Wissenslandschaft das Nachsehen.

Auch die Universität Salzburg beherbergt ein solches Kleinod. Seit 2004 gibt es das Zentrum für Jüdische Kulturgeschichte. Vormals in der Alten Residenz untergebracht, ist es nunmehr im Unipark in Nonntal zu finden. Maßgeblich ermöglicht wurde die Einrichtung des Zentrums dank einer Spende des New Yorker Kunstmäzens und Wahlsalzburgers Donald Kahn. Rund eine halbe Million Euro nahm Kahn damals in die Hand.

Das Zentrum ist ein fächer- und disziplinenübergreifender Zusammenschluss von Forscher*innen, die sich in ihren Arbeiten mit jüdischer Geschichte, Kultur, Literatur und Religion auseinandersetzen. Angeboten wird zudem ein Masterprogramm: ein bunter Mix aus Hebräisch- und Jiddischunterricht, literaturwissenschaftlichen Kursen sowie einem Modul zur jüdischen Geschichte, Antisemitismus-, Holocaust- und Genozidforschung.

Third Mission ist mehr als Geld
Genau in diesem Streifzug durch die jüdische Kultur liegt die Stärke des Zentrums: Judentum wird nicht, wie oftmals in der öffentlichen Debatte, auf den Holocaust verengt, sondern in seiner ganzen Breite behandelt. Dieser unaufgeregte Zugang könnte als Vorbild dienen und wichtige Impulse setzen. Neben antisemitischen Ressentiments, die in nahezu allen Milieus und Schichten zu finden sind, ist auch das Bild, das die Mehrheitsgesellschaft von Juden und Jüdinnen hat, recht verzerrt. Der Regisseur des Kurzfilms Mazel Tov Cocktail, Arkadij Khaet, sagt in diesem Zusammenhang in einem Interview, dass ihm besonders der funktionale Blick auf Juden und Jüdinnen in Deutschland und Gleiches gilt wohl auch für Österreich sauer aufstößt. Selten geht es um jüdisches Leben an sich, sondern es fungiert als Ausweis dafür, dass man nach den Schrecken des Holocaust eine geläuterte Nation ist.

Kahns ursprüngliche Spende schwindet mit jedem Jahr. Was passiert, wenn die Mittel zur Neige gehen, ist bis dato ungewiss. In einem Klima gesellschaftlicher Polarisierung, in dem nicht selten mit offen antisemitischen Verschwörungstheorien die Welt erklärt wird, kann das Zentrum für Jüdische Kulturgeschichte diese zwar nicht alleine aus ebenjener Welt schaffen, aber immerhin ein kleines, wirksames Gegengewicht bilden, indem es Interessierten die Tür zu einer Kultur und Geschichte öffnet, über die nach wie vor viele Missverständnisse kursieren.

Ob Rektor Bernhard Fügenschuh, der bei den Protesten medienwirksam in der ersten Reihe mitging, dieses Engagement auch dem Zentrum für Jüdische Kulturgeschichte entgegenbringt, sollte es hier zu finanziellen Engpässen kommen, wird sich zeigen.

In der neuen Werkspost spricht David Mehlhart mit Susanne Plietzsch von der Universität Salzburg über jüdische Studien.

Infobox:
Mehr Infos zum Zentrum für jüdische Kulturgeschichte findet man hier: https://www.plus.ac.at/zentrum-fuer-juedische-kulturgeschichte/

Pressemitteilung der ÖH Salzburg zu den geplanten Einsparungen: https://www.oeh-salzburg.at/breiter-protest-gegen-uni-budgetkuerzungen/

Das Zentrum für jüdische Kulturgeschichte beruht auf einer Schenkung des Kunstmäzens Donald Kahn. Mehr zu seinem Leben und Wirken findet man hier: https://wiki.sn.at/wiki/Donald_Kahn

Third Mission: Zu den zwei Säulen Lehre und Forschung ist in den letzten Jahren eine weitere hinzugekommen. Diese dritte Säule steht für den aktiven Wissensaustausch mit Gesellschaft und Wirtschaft oft mit dem Ziel, auf diesem Weg finanzielle Mittel einwerben zu können.

Einen Trailer zum Kurzfilm Mazel Tov Cocktail gibt es hier: https://www.youtube.com/watch?v=qQTqYy1IcDI

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