Werkspost – der politische Salzburg-Kommentar
Gesellschaft

Von Männern, für Männer:
Warum wir Städte in Zukunft feministisch planen müssen

Wer bekommt wie viel Raum in unserer Gesellschaft? Beweg dich durch Salzburg und du hast die Antwort in Beton gegossen: breite Straßen und graue Parkplätze. Davon aber viele. Der öffentliche Raum gehört dem Auto und dem, der es fährt. Es ist Zeit, den Gegenentwurf aus der Schublade zu holen. Feministische Stadtplanung schafft Orte, die für alle Menschen funktionieren.
Eine Werkspost von:

Katja Ilnizki

19. August 2026
Salzburg ist, wie so viele andere Städte auch, von Männern und für Männer gemacht. Aber nicht aus Böswillen. Die autozentrierte Stadtplanung ist ein Ergebnis der Nachkriegszeit. Asphalt und Beton sind historisch gewachsen, weil sie dem Ideal der sogenannten „autogerechten Stadt“ folgen. In den 50er und 60er Jahren haben wir das Wohnen, Arbeiten und Konsumieren klar getrennt. Entsprechend richtet sich auch die Stadtplanung nach den Prototypen der männlichen Vollzeit-Pendler von damals aus: morgens aus dem Haus und rein ins Auto, vom Land in die Stadt, Parkplatz direkt vor dem Büro und abends zurück ins Grüne. Was diese Idee ignoriert? Die Lebensrealität der mehrheitlichen Bevölkerung von heute.

Städte menschengerecht umgestalten
Der Gegenentwurf zu gestern heißt heute „feministische Stadtplanung“. Das ist kein ideologisches Schubladenkonzept, sondern die Idee einer menschengerechten Umgestaltung der Städte. Im Kern geht es darum, zu fragen und zu verstehen: Wer bewegt sich wie, wo und wann? Wer geht zum Supermarkt und in die Arztpraxis? Wer zur Kita, in die Schule, auf den Spielplatz oder in die Turnhalle?
Wer den Kinderwagen schiebt oder den Wocheneinkauf erledigt, pendelt nicht geradlinig mit dem Auto Strecken von A nach B. Der Alltag besteht aus vielen und kurzen Wegen. Feministische Stadtplanung gibt die Antwort auf diese Wegketten, indem sie – im Gegensatz zur Nachkriegszeit – das Wohnen, Arbeiten und Konsumieren wieder zusammenbringt. Sie baut breite Geh- und Radwege in Innenstädten, schafft aber auch Platz für Bänke und Grün, damit Menschen verweilen und sozial interagieren können. Auch in Salzburg wird das Konzept der sogenannten Begegnungszonen vermehrt diskutiert. Auch eine bessere Straßenbeleuchtung ist Teil der feministischen Stadtplanung, um Angsträume zu verhindern und für ein erhöhtes Sicherheitsgefühl im öffentlichen Raum zu sorgen.
Von diesen Überlegungen profitieren alle. Nicht nur Frauen, sondern auch Männer und Kinder sowie ältere Menschen oder Menschen mit Behinderung. Wir alle können uns besser und sicherer durch die Stadt bewegen. Und im Übrigen: Auch Geschäftstreibende gewinnen. Das belegen zahlreiche Studien, wie beispielsweise die des Deutschen Instituts für Urbanistik in Berlin aus dem Jahr 2025. Wenn die Aufenthaltsqualität steigt, nimmt auch die Aufenthaltsdauer zu, was sich positiv auf die Umsätze in Einzelhandel und Gastronomie auswirkt.

Stadtplanung ist kein quid pro quo
Was feministische Stadtplanung nicht sein darf: ein Kuhhandel. Werden die Städte der Zukunft an der Verteilung der Care-Arbeit der Gegenwart geplant, ist das kein quid pro quo. Frauen in Österreich leisten aktuell gut 40 Prozent mehr unbezahlte Care-Arbeit und legen das auch entsprechend an kurzen Wegen zurück. Wer eine Stadt nur mit Blick darauf denkt, läuft Gefahr, anstelle eines Parkplatzes ein altes Rollenbild zu zementieren.
Die Frau darf nicht alleinig im Zentrum der stadtplanerischen Überlegungen stehen. Stadtplanung muss intersektional passieren. Sie muss nicht nur Geschlecht, sondern auch Alter, soziale Herkunft und ethnische Zugehörigkeit, sexuelle Orientierung, Einkommen oder Behinderungen mitdenken.
Sind wir bereit für die feministische Stadtplanung? Sind wir bereit, ein Salzburg von allen, für alle zu werden? Ich finde, Ja! Er wäre doch skurril, in einer wunderschönen Stadt eine gerechte Zukunft für ein Stück Blech anstelle eines Menschen aus Fleisch und Blut zu gestalten, oder?

In der neuen Werkspost spricht Katja Ilnizki mit Ursula Spannberger. Die 71-Jährige ist Architektin und beschäftigt sich mit der Gestaltung von Räumen mit sozialer Nachhaltigkeit. Im Werkspost-Interview inspiriert sich auch, die Perspektive zu wechseln, um die Welt neu zu entdecken.

Infobox:
Der Begriff Feminismus polarisiert. Warum eigentlich? Feminismus setzt sich für die Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und Freiheit aller Geschlechter ein. Warum sind wir also nicht alle Feminist:innen?
  • Feminismus befasst sich mit der grundlegenden Veränderung der patriarchalischen Kultur. Das bringt die traditionelle Macht- und Rollenverteilung ins Wanken, wodurch sich bisherige Profiteur:innen in ihrer gesellschaftlichen Stellung bedroht fühlen.
  • Antifeministische Einstellungen in der Gesellschaft nehmen zu. Sowohl auf Seiten der Männer als auch auf Seiten der Frauen. Das belegt zuletzt die Leipziger Autoritarismus Studie aus dem Jahr 2022. Insbesondere in Zeiten ökonomischer Unsicherheit und globaler Krisen geben erlernte, etablierte und traditionelle Gesellschaftsmuster vermeintlich Halt und Sicherheit.
  • Der Begriff des Feminismus hat ein Image-Problem und weist ein soziologisches Paradoxon auf: Während die inhaltlichen Forderungen des Feminismus von einer Mehrheit der Bevölkerung unterstützt werden, schrecken viele davor zurück, sich Feminist:innen zu nennen, obwohl sie die Ziele eigentlich unterstützen.

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